Geübte Grenzgänger
Seit 2003 wird jedes Jahr am 22. Januar der Deutsch-Französische Tag gefeiert. Nicht immer war der Austausch mit Frankreich selbstverständlich. Doch seit der Grenzöffnung haben sich die Kontakte in der Region intensiviert.
Von Katrin Brodowski
Französische Spuren aus vergangener Zeit sind in Scheibenhardt auf deutscher Seite nicht auf den ersten Blick zu finden. Auf elsässischer Seite verweisen dagegen Denkmäler auf die Kriegsvergangenheit, die die gleichnamigen Dörfer mit der unterschiedlichen Schreibweise lange getrennt hat. Nachdem die Grenzbalken gefallen sind und man ungehindert über die Brücke gehen kann, hat eine Annäherung stattgefunden, wie Ortsbürgermeister Edwin Diesel sagt. Er selbst arbeitet mit seinem Bürgermeisterkollegen auf französischer Seite, Francis Joerger, bei vielen Veranstaltungen zusammen. „Seit zehn Jahren organisieren wir gemeinsam den Neujahrsempfang, unser Brückenfest findet zum 17. Mal statt. Auch gemeinsame Martinsumzüge werden gemacht”, sagt Diesel. Die Grenzöffnung habe den Alltag offener und einfacher gemacht. Es gebe jedoch auch Trennendes, was eine Zusammenarbeit manchmal erschwere. Dazu gehöre das unterschiedliche Verwaltungs- und Schulsystem. „Mein Kollege Joerger gehört mit seiner Gemeinde zwar zur Verbandsgemeinde Lauterbourg, jedoch ist in Frankreich die Ortsverwaltung eigenständig. Sie muss ihren eigenen Haushalt aufstellen, Baugenehmigungen erteilen und vieles mehr.”Da die französischen Kinder Ganztagsschulen besuchen, sei es mit einem grenzübergreifenden Treffen unter Jugendlichen schwierig. „Wir suchen auf verschiedenen Ebenen nach realisierbaren, gemeinsamen Projekten”, erklärt Diesel. Für das kommende Frühjahr wolle man eine gemeinsame Jugendfeuerwehr auf die Beine stellen. Natürlich spiele hier die Sprache eine Rolle, die Jugendlichen beider Seiten sprächen kaum die Sprache des Nachbarn, bedauert der Bürgermeister. Auch das Elsässische beherrschten immer weniger.
Etwas sichtbar Französisches gibt es in Scheibenhardt dann doch: den Bäcker vor der Lauterbrücke. „Aus Scheibenhard wie auch aus Büchelberg oder Berg kommen die Leute und kaufen ein. Die Angestellten stammen ausnahmslos aus dem Elsass und sprechen deutsch, elsässisch sowie französisch.”
„Lerne die Sprache des Nachbarn” - diese Voraussetzung zur Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen in der Grenzregion ist in der Kindertagesstätte „Bärenland” in Freckenfeld Programm. Seit 1986 nimmt die Einrichtung an dem rheinland-pfälzischen Projekt teil, das die französische Spracharbeit an Kindergärten fördert. Derzeit ist Florence Kretschmer die französische Sprachvermittlerin, berichtet die Leiterin des Bärenlands, Elisabeth Böttgenbach. „Die Kinder sollen spielerisch für die französische Sprache und die Kultur sensibilisiert werden. Sie sollen Spaß haben im Umgang mit fremden Wörtern sowie dem Entdecken einer fremden Sprache”, sagt Böttgenbach. Später seien dann die Berührungsängste mit der Sprache nicht mehr so groß. Es gehe auch um die Förderung der Toleranz und Akzeptanz im Umgang mit anderen Menschen. In jeder der Gruppen verbringt die Sprachvermittlerin einen Vormittag in der Woche, an einem Tag gibt es gruppenübergreifende Angebote. „Alle Spiele sind auf Französisch, alle Lieder und auch der Abschlusskreis danach”, erklärt die Leiterin. „Die Kinder, die Lust haben, mitzumachen, tun das. Aber auch die anderen, die in der Zeit mit etwas anderem beschäftigt sind, bekommen viel mit und lernen.” „Natürlich geht hier kein Kind raus und kann perfekt französisch”, weiß die Leiterin. Aber das Interesse an der Sprache sei bei dem ein oder anderen Kind geweckt. Französisch als Muttersprache sei Voraussetzung zur Einstellung, sagt Böttgenbach: „Wir hatten auch mal ein Kind hier, das später sogar in Bad Bergzabern das deutsch-französische Abitur gemacht hat.” Mehr zu diesem Thema in der Gemersheimer Rundschau
Quelle: DIE RHEINPFALZ, Pfälzer Tageblatt - Ausgabe Rheinschiene Nr.15, Mittwoch, den 18. Januar 2012